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Magazin / Leben

Leben und Lieben in der Krise

Von Ina Kaifi

Rita. Rita ist meine neue Freundin. Ich habe sie der Finanzkrise zu verdanken. Ja, ehrlich.

Rita wohnt seit neun Jahren im gleichen Haus wie ich, aber eine arrogante Seite in mir hat mir verboten, mit ihr in Kontakt zu treten. Diese Holzvertäfelung in ihrem Flur mit der Kuckucksuhr und den Bildern mit schlauen Versen. Dieser Mann. Dieser Jogginganzug. Wie sehr wir Menschen immerzu bewerten. Wir denken, wir hätten das Klassendenken abgelegt, aber das stimmt nicht. Ein paar Hinweise genügen und die Schublade ist auf und klapp wieder zu.

Vor einem Jahr ist Ritas Mann gestorben. Das hat sie mir vor ein paar Monaten erzählt. Als wir das erste Mal geredet haben, unten im Flur. Ich hatte es noch nicht einmal mitbekommen. Nach diesem Gespräch trottete ich die Treppen hoch und schämte mich. Vor Jahren hatte Rita einmal an der Tür geklingelt und darum gebeten, dass „man sich doch gegenseitig helfen könnte“. Ich fand das aufdringlich.

Als wir nun im Flur standen, weinte sie. Und ich spürte plötzlich das Gemeinsame. Von nun an unterhielten wir uns häufiger. Warum? Ganz einfach. Ich habe Zeit. Die Jobs sind weniger geworden und plötzlich ist in diesen Freiraum etwas sehr Wichtiges gerückt: Menschlichkeit, in Form von Rita.

Rita backt Kuchen und stellt ihn vor die Tür. Rita kauft eine Barbie-CD für meine Tochter. Rita ruft an und sagt, die Traurigkeit sei wieder da. Rita fragt mit ehrlichem Interesse, warum meine Kleine im Flur geweint hat. Rita sorgt sich um meine Gesundheit.

Da, wo alle sich um das Geld sorgen, überschüttet uns Rita, die ihr Leben lang als Putzfrau gearbeitet hat und eine entsprechend kleine Rente hat, mit Geschenken. Sie leiht einer Freundin mit einem Alkoholproblem Geld. Für Rita existiert die Krise gar nicht.

Später wird die Freundin sie beklauen. Der Glastopf mit den gesammelten Euros wird nur noch halb-, statt randvoll sein. „Die hat jetzt Hausverbot.“

An Ritas Wänden hängen viele Fotos. Rita mit ihrem Mann in einem Strandkorb. Rita als junges Mädchen. Ritas Vater, der Matrose war. Rita zeigt uns das Akkordeon, das er ihr geschenkt hat, als sie neun war. Es ist blitzblank. „Ich habe es immer gepflegt. Es ist wichtig, die Dinge zu pflegen.“ Einmal putzt sie meine Küche und legt ein grünes Tuch auf die Ablage bei der Spüle. „Damit es gepflegt ist.“, schreibt sie auf einen Zettel. Pflege. Nichts wird weggeworfen, alles hat einen Platz. Kein überflüssiger Konsum. Keine Blase aus Geld.

Rita weiß schon lange, was wir durch die Krise lernen sollen: Dass es sich lohnt, die Dinge zu pflegen, Dinge und Beziehungen. „Als mein Mann mich heiraten wollte, habe ich drei Bedingungen gestellt: Kein Streit, keine Geldsorgen, keine Lügen. Und so war es auch, über zwanzig Jahre lang.“ Dann fängt sie wieder an zu weinen.

 

Welche Finanzkrise?