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Magazin / Leben

Welt im Wandel

Mit Weitsicht handeln

Die Welt befindet sich in einem stetigen Wandel und stellt uns alltäglich vor immer neue Herausforderungen. Da die Zukunft nicht vorhersehbar ist, müssen wir uns mit Prognosen behelfen. Sie sollen uns in die Lage versetzen etwaige Probleme und Chancen frühzeitig zu erkennen und diesen entsprechend handeln zu können – denn: Agieren kommt vor reagieren.

Wer in unserer schnelllebigen Gesellschaft heute richtige Entscheidungen treffen möchte, der braucht vor allem Weitsicht und Durchhaltevermögen. Eines der ganz großen Themen unserer Zukunft, welches unsere wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen mehr denn je maßgeblich beeinflussen sollte, sind die weltweiten demographischen Entwicklungen und ihre Auswirkungen.

Zeit ist  relativ!

Demographische Entwicklungen von 1750 bis 2050

Betrachtet man die demographischen Entwicklungen der Vergangenheit und die Prognosen* für die Zukunft, so wird einem mal wieder sehr bewusst, dass Zeit eben doch relativ ist.

Die Weltbevölkerung hat sich in 150 Jahren von ca. 800 Millionen Menschen im Jahr 1750 auf ca. 1,6 Milliarden Menschen im Jahr 1900 verdoppelt und sich in den darauf folgenden 110 Jahren (von 1900 bis heute) auf 6,9 Milliarden Menschen noch einmal mehr als vervierfacht!

Die dynamischsten Entwicklungen haben wir dabei bereits hinter uns gelassen, so dass im Jahr 2050 voraussichtlich 9,1 Milliarden Menschen die Welt bevölkern werden. Und obwohl die Zukunft ungewiss ist, so scheint, egal welche Prognosen sich nachher erfüllen werden, eines bereits heute festzustehen: das Ende des Bevölkerungswachstums fällt ins 21. Jahrhundert.

Die einzelnen Kontinente und Länder der Erde werden sich hierbei in den kommenden Jahren sehr unterschiedlich entwickeln. So wird beispielsweise Europa der einzige Kontinent sein, der im Jahr 2050 weniger Einwohner zählen wird als heute. Die Bevölkerung in Afrika wird sich hingegen, trotz der verheerenden Krankheit AIDS, bis dahin mehr als verdoppeln.

Das starke Bevölkerungswachstum ist u. a. auf die stark gestiegene Lebenserwartung zurückzuführen. In den letzten 200 Jahren hat sich diese in vielen Ländern der Erde beispielsweise mehr als verdoppelt. Hinzu kommt eine stark zurückgegangene Sterberate. Diese beiden Aspekte gepaart mit einer seit jeher positiven globalen Geburtenbilanz erklären vereinfacht unser Bevölkerungswachstum.

Betrachtet man nun die demografischen Entwicklungen einzelner Länder, so ist die Wanderung (Migration) ebenfalls mit einzubeziehen. So kann z. B. eine positive Wanderungsbilanz – eine negative Geburtenbilanz relativieren.

In den Industrieländern haben sich die Geburtenraten in der Zeit von 1950 bis 2000 fast halbiert. Die USA stellt hier mit einer relativ hohen Geburtenrate von rund zwei Kindern pro Frau einen Sonderfall dar. Aufgrund dieser Geburtenbilanz und der weiterhin zu erwartenden positiven Wanderungsbilanz ist auch zukünftig mit einem Anwachsen der US-Bevölkerung zu rechnen (Prognose für das Jahr 2050: 403 Millionen Einwohner; 2010: ca. 317 Mio.).

Die Bevölkerung Japans hingegen und Deutschlands wird bis zum Jahr 2050 aller Voraussicht nach stark schrumpfen. Während sich die japanische Bevölkerung nach den heutigen Berechnungen von ca. 126 Millionen auf 101 Millionen Menschen verringern wird - das sind fast 20,00%(!), so ist für Deutschland mit einem Rückgang von immerhin fast 14,00% zu rechnen, dass entspricht einer Schrumpfung der Bevölkerung von 82 auf 70,5 Millionen Menschen.

Indien wird zurzeit von 1,21 Mrd. Menschen bewohnt und in China sind es heute knapp 1,35 Mrd.. Nur die Chinesen und Inder machen also schon zusammen 37,00% der heutigen Weltbevölkerung aus. Ein gewaltiger Unterschied besteht allerdings in der zu erwartenden Entwicklung dieser beiden Länder. Die Einführung der „Ein-Kind-Politik“ in China (in den Jahren 1979/1980) lässt China nur noch bis zum Jahr 2030 auf 1,46 Mrd. Menschen wachsen. Anschließend wird dann auch in China langsam der Schrumpfungsprozess beginnen. Indiens Bevölkerung hingegen wird auch weiterhin wachsen, was nicht zuletzt dem geringen Durchschnittsalter der Inder von 25,3 Jahren geschuldet ist (zum Vergleich: China 34,1 Jahre).

So wird Indien, China in den kommenden Jahrzehnten als das bevölkerungsreichste Land der Welt ablösen und bereits im Jahr 2030 20 Millionen Einwohner mehr zählen als China. Im Jahr 2050 zählt Indien dann insgesamt über 1,61 Mrd. Menschen.

Zeiten ändern sich!

Auswirkungen des demographischen Wandels


Die Globalisierung schreitet schnell voran. Das eherne Gesetz von Angebot und Nachfrage, sowie das Prinzip der Gewinnmaximierung haben die Welt nachhaltig verändert. Mit Hilfe der heutigen Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten (z. B. Schifffahrt und Internet) ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch der letzte Winkel unserer Erde wirtschaftlich erschlossen ist.

Die etablierten Industrieländer gelten in der Regel als gesättigte Märkte, in denen harte Verdrängungswettbewerbe das Marktgeschehen beherrschen. Die Wachstumsfantasien vieler Unternehmen aus diesen Ländern fußen daher aus zweierlei Hinsicht in der Erschließung neuer Märkte. Zum einen sollten diese ursprünglich vor allem dabei helfen, die Produktionskosten zu senken, um so die Wettbewerbsfähigkeit und den Gewinn zu steigern. Zum anderen haben sich diese Länder aber auch selber zu interessanten Absatzmärkten entwickelt. Allen voran China und Indien, aber auch Brasilien und Russland locken Investoren mit ihrer unvorstellbar hohen potentiellen Nachfragemacht. Dass diese Länder nun aufgrund ihrer Investitionen in Bildung und Forschung zu ernstzunehmenden Konkurrenten heranwachsen bzw. herangewachsen sind, wird den globalen Wettbewerb und damit die Globalisierung weiter beschleunigen. Spannend sind hierbei insbesondere auch die Auswirkungen auf die Entwicklungen der weltweiten Demographie. Bleiben die bisher zu beobachtenden Muster unverändert, so sinkt die Geburtenrate eines Landes mit seiner fortschreitenden Entwicklung. Steigen die Perspektiven im eigenen Land, eine Arbeit zu finden und sich ernähren zu können, so sinkt die Bereitschaft umzuziehen bzw. gar auszuwandern. Die Beweggründe in einem anderen Land leben zu müssen werden also zukünftig eher auf Freiwilligkeit oder anderen Gründen basieren (Klima, Wunschberuf, Familie etc.).

Spricht man heute von der wirtschaftlichen Bedeutung eines Landes, so wird häufig für die Bewertung das Bruttoinlandsprodukt (BIP) herangezogen. Deutschland ist zurzeit – so gesehen – nach den Vereinigten Staaten, Japan und China das wirtschaftlich viertgrößte Land der Welt. Dass die Einwohnerzahl eines Landes hierbei einen nicht ganz unwesentlichen Einfluss hat, leuchtet sicherlich jedem sofort ein. Betrachtet man also das BIP pro Kopf, so ergibt sich schon ein völlig anderes Bild. Die Vereinigten Staaten landen dann nur noch auf Platz 9, Deutschland auf Platz 16, Japan auf Platz 17 und China (ohne HongKong) auf Platz 99. Das Ganze könnte man jetzt auch noch einmal kaufkraftbereinigt unter die Lupe nehmen und man erhält wieder eine differenziertere Aussage.

 

Zeit im Blick:

Demographie und Wirtschaft in Deutschland


Was passiert nun eigentlich, wenn Deutschlands Bevölkerung sich tatsächlich wie prognostiziert entwickelt? Ganz einfach – das Bruttoinlandsprodukt wird ebenfalls schrumpfen, wenn sich das BIP pro Kopf nicht entsprechend erhöht. Des Weiteren wird sich mit einem Sinken des deutschen BIP, einhergehend mit einem Wachsen der BIP anderer Länder, die weltweite wirtschaftliche und politische Einflussnahme Deutschlands zwangsläufig verringern.

Ein anderes bereits viel besprochenes und allgemein bekanntes Problem Deutschlands ist das derzeitige Sozialversicherungssystem. Ursprünglich mit der Absicht geschaffen soziale Unruhen zu vermeiden, könnte sich dieser Gedanke in der Zukunft zum Bumerang entwickeln. Das Schrumpfen der deutschen Bevölkerung und die Entwicklung der Altersstruktur (Durchschnittsalter von Deutschland: 43,8) führen dazu, dass sich unser System übertrieben ausgedrückt von einer Solidargemeinschaft: "Alle für einen!“ hinzu: „Einer für alle!" entwickelt – ein Zustand, der keine Zukunft hat. Um dem Unvermeidlichem entgegenzuwirken nutzt die Politik seit Jahren die Inflation um die Renten zu kürzen und hat zusätzlich das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre angehoben. Diese halbherzigen Maßnahmen geben allerdings lediglich einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen muss. Doch nicht nur das Rentenversicherungssystem wird sich verändern. So erwartet man beispielsweise für die gesetzliche Krankenversicherung einen Anstieg der Beitragssätze bis zum Jahr 2040 auf über 21 Prozent (!) und das ausschließlich unter Berücksichtigung des demographischen Wandels. Etwaige Mehrkosten aufgrund des medizin-technischen Fortschritts erledigen dann noch ihr übriges.

Die Herausforderungen für Deutschland sind enorm. Die weltweiten Machtverschiebungen wirken oftmals bedrohlich auf uns – könnten aber auch als Chance erkannt werden. So wird sich die Verantwortung für die globalen Problemstellungen zukünftig auf mehreren Schultern verteilen. Globale konzertierte Aktionen, wie zuletzt während der Finanzkrise, werden sich zukünftig häufen. Und auch unser Klima ist ein Thema der Zukunft, welches nur gemeinschaftlich gelöst werden kann. Letztendlich tragen die Globalisierung und die sich u. a. daraus ergebenden demographischen Entwicklungen auch, aller Schwierigkeiten zum Trotz, zur Völkerverständigung bei. Die zunehmenden wirtschaftlichen Verstrickungen der Länder untereinander haben das Potential den Dialog untereinander zu fördern und damit auch Frieden zu stiften.

 

Ausblicke auf Ihre Anlage-Strategie

Für einen Investor ist es meines Erachtens unerlässlich, dass er immer die übergeordneten Zusammenhänge im Blick hat. Sprechen wir beispielsweise über die Entwicklungschancen eines Investments, so gilt es immer die nachfolgende Frage zu beantworten: Wie verhält sich das aktuelle Angebot zur zukünftigen Nachfrage? Wie kann ich meine Anlage verantwortungsbewusst und sinnstiftend gestalten. Wie kann ich am realen Wachstum partizipieren?

Eine ganzheitliche Herangehensweise an Investitionen ermöglicht, Aspekte wie demographische Entwicklungen zu beachten. Ganz konkret bedeutet das: Welche Werte werden in Zukunft Mangelware sein, in die es sich schon heute zu investieren lohnt? Ein Beispiel dafür sind etwa Rohstoffe, deren Bedeutung vielfach unterschätzt wird. Oder bezogen auf unser Sozialversicherungssystem: Was muss ich nach dem heutigen Erkenntnisstand tun, um auch im Alter eine hohe Lebensqualität zu erfahren? Wie viel Einkommen brauche ich, um im Krankheits- oder Pflegefall in einem Gesundheitssystem, das höchstwahrscheinlich weniger Leistungen für höhere Kosten erbringen wird, ausreichend versorgt zu sein?

Das soll keineswegs heißen, dass das Hier und Jetzt von zu vielen Gedanken über die Zukunft überschattet werden soll. Aber je früher man langfristige Einflüsse in Denken und Handeln einfließen lässt, desto entspannter lässt es sich heute leben. Oder, wie der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860) es ausdrückte: „Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen Verhältnis, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit teils der Gegenwart, teils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere verderbe.“

 

*mittlere Variante der UN-Prognosen

 

Henning Opitz