Anthony Baffoe, 44, wuchs in Bad Godesberg bei Bonn auf. Als Profiußballer spielte er in den Jahren 80er- und 90er-Jahren für den 1. FC Köln, Fortuna Düsseldorf, SC Fortuna Köln und die Stuttgarter Kickers. In der Ghanaischen Fußballnationalmannschaft spielte Baffoe 16 Mal. Im Frühjahr 2006 wurde er vom Fußballverband Ghanas zum Verantwortlichen für internationale Beziehungen ernannt.
Das Gespräch führte Vito Avantario.
Es wurde Zeit: Viele Menschen in Afrika sind sehr stolz drauf, dass dieses Turnier endlich in Afrika stattfindet. Die Südafrikaner wollen der Welt zeigen, dass es auf vielen Gebieten einen progressiven Trend in Afrika gibt, der es ermöglicht, globalisierte Events wie die WM zu organisieren. Dieses Turnier wird die globale Wahrnehmung Afrikas verändern und den Kontinent, der sonst meist mit Krieg, Gewalt, Hunger und Armut in Zusammenhang gebracht wird, in einem anderen Licht erscheinen lassen. Während der WM wird sich der Fokus der Welt für vier Wochen nach Afrika verschieben.
Die Hauptstädte Südafrikas und Angolas liegen 1500 Kilometer entfernt. Die Länder haben nicht einmal gemeinsame Grenzen. Ich empfinde eine solche Argumentation als geradezu lächerlich: Kein Mensch wäre vor vier Jahren auf die absurde Idee gekommen, vor einer WM in Deutschland zu warnen, wenn – sagen wir einmal – im Baskenland eine Bombe der ETA explodiert wäre. Deutschland hat wundervolle Spiele ausgerichtet und sich der Welt als offenes, modernes Land präsentiert. Die Stimmung war hervorragend und friedlich. Und am Ende hat nicht die spektakulärste, aber sicher die beste Mannschaft den Titel geholt – und den Deutschen leider das Fest etwas vermiest. Aber alle Fans werden dennoch diese WM in sehr guter Erinnerung behalten.
Südafrika wird der Welt beweisen, dass es ebenfalls wunderbare Spiele ausrichten kann. Niemand dort will versagen. Alle arbeiten hart daran, die Veranstaltung zum Gelingen zu bringen. Sicherlich erhoffen sich die Veranstalter auch positive Image-Effekte, die sich dann wiederum wirtschaftlich positiv auswirken. Vielleicht könnte dieses Fußballturnier sogar die ökonomischen Abhängigkeiten Afrikas vom Fußballmarkt in Europa lockern. In den letzten Jahrzehnten waren die Trainer afrikanischer Nationalmannschaften fast allesamt Europäer oder Südamerikaner ...
So weit würde ich nicht gehen. Aber Fakt ist: Nur zwei der acht Viertelfinalisten im diesjährigen Afrika-Cups wurden von afrikanischen Trainern betreut, Algerien und Ägypten. Die übrigen Teams wurden von Fachkräften aus Europa und Südamerika geleitet. Die Masse der afrikanischen Spieler gilt hingegen im globalen Fußballmarkt als „Billigware”. Es werden also Fachkräfte aus der so genannten „Ersten Welt” teuer eingekauft, während die Masse der Spieler aus der „Dritten Welt” meist für wenig Geld verkauft werden.
Diese Spieler sind in Europa berühmt geworden und werden heute als globalisierte Marken gehandelt. Sie gelten auch unter weißen Jugendlichen weltweit inzwischen als „cool”. Nach ihrer aktiven Karriere werden sie vielleicht zurückkehren und wie andere Stars vor ihnen den afrikanischen Fußball mit ihren Erfahrungen bereichern – ich würde also ihre kolonialistische These etwas relativieren. Natürlich aber sind die Infrastrukturen der meisten afrikanischen Fußballverbände im Vergleich zu denen der Europäer in der Entwicklung zurück. Aber auch diesen Nachteil werden wir aufholen. Diese WM wird viele afrikanische Fußballverbände dazu animieren ihre Infrastrukturen und Trainingsanlagen zu modernisieren und auf professionellere Art mit dem Fußballgeschäft umzugehen.
Ja, warum sollte ich nicht?
Nein. Aber nach meiner aktiven Laufbahn hat mich der ghanaische Fußballverband zum Verantwortlichen für internationale Beziehungen ernannt. Ich bin zudem Mitbegründer der Interessenvereinigung ghanaischer Fußballprofis. Aus diesen Gründen lebe ich wieder in Afrika.
Das ist schwer zu sagen: Ich spreche zwar sehr gut deutsch und habe fürs deutsche Fernsehen als Moderator gearbeitet. In den deutschen Vereinen, in denen ich seit meiner Kindheit Fußball gespielt habe, war ich damals aber meist der einzige Schwarze unter Weißen. Als Profifußballer wurde mir später irgendwann klar, dass ich nur für die ghanaische Nationalmannschaft spielen würde.
In Ghana habe ich eine starke Akzeptanz als Fußballer und Mensch erfahren. In Deutschland habe ich hingegen oft das Gefühl vermittelt bekommen, ich wäre aufgrund meiner Hautfarbe anders als andere. Es kam auch vor, dass mich Zuschauer oder Gegenspieler rassistisch bepöbelten. Anders als viele meiner afrikanischen Brüder in Deutschland, war ich aber schlagfertig – ich konnte mich wehren.
... der Mann hat mich immer wieder rassistisch beschimpft. Irgendwann bin ich zu ihm an den Zuschauerzaun und habe gesagt: „Du Loser, schau dich an, wie siehst du aus? Wenn du Arbeit suchst, kannst du mit den anderen weißen Sklaven auf meiner Plantage arbeiten.” Das war natürlich sarkastisch gemeint. Ich lebe heute zwar in Accra, aber bin häufig noch in Köln: In den letzten 25 Jahren hat sich Deutschland sehr verändert, auch das Bewusstsein über Rassismus im deutschen Fußball – heute kämpft der Deutsche Fußballbund gegen Diskriminierung in den Stadien. Er unterstützt Migrationsprojekte. Und afrikanischstämmige Spieler wie Jérome Boateng, Gerald Asamoah und Dennis Aogo sind inzwischen deutsche Nationalspieler. Das Bild der Afrikaner und ihres Kontinents hat sich in Deutschland stark verbessert.